Hörbuch zum Roman: Still – Chronik eines Mörders von Thomas Raab

Klappentext

Nur eines verschafft Karl Heidemann Erlösung von der unendlichen Qual des Lärms dieser Welt: die Stille des Todes. Blutig ist die Spur, die er in seinem Heimatdorf hinterlässt. Durch sein unfassbar sensibles Gehör hat er gelernt, sich lautlos wie ein Raubtier seinen Opfern zu nähern, nach Belieben das Geschenk des Todes zu bringen. Und doch findet er nie, wonach er sich sehnt: Liebe. Bis er auf einen Schatz stößt. Ein Schatz aus Fleisch und Blut. Ein Schatz, der alles ändert. Die faszinierende Lebensgeschichte eines unheimlichen Geschöpfes aus der Feder des Bestsellerautors Thomas Raab.

Erster Satz

Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag.

Meinung

Schon der erste Satz dieses außergewöhnlichen Romans hat es in sich:

Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag.

Wie kann der Tod eines Menschen positiv sein? Und vor allem, für wen ist Karls Todestag ein guter Tag? Für Karls selbst, weil er von einer schlimmen Krankheit erlöst wird? Für seine Mitmenschen, die unter ihm zu leiden hatten?

Mit einem einzigen Satz wirft Thomas Raab diverse Fragen auf und sichert sich so von Anfang an die Aufmerksamkeit seiner Leser.

Ein Satz, der für das ganze Buch symptomatisch ist. Mit wenigen Worten und kurzen, abgehackt wirkenden Sätzen, erzeugt der Autor eine poetische Bildwelt, die sich oftmals nur zwischen den Zeilen offenbart.

Eine Kunst, die der Sprecher Frank Arnold perfekt transportiert und die mir beim Lesen vermutlich gar nicht so deutlich entgegengeschlagen wäre.

“Still – Chronik eines Mörders” beginnt, wie viele Biografien, mit der Geburt des Protagonisten. Diese ist, im Gegensatz zum Rest des Buches, eine eher laute Angelegenheit.

Am 6. Dezember des Jahres 1982 durchbricht ein Schrei die Stille des kleinen Dorfes Jettenbrunn in Österreich. Karl, der Sohn von Charlotte und Johannes Heidemann, hat das Licht der Welt erblickt und schreit seinen ganzen Schmerz und seine ganze Empörung darüber hinaus.

Auch nach seiner Geburt hört Karl nicht zu schreien auf und raubt seinen Eltern, durch sein ständiges Gezeter, den letzten Nerv. Zufällig finden sie heraus, dass Karl ein äußerst sensibles Gehör hat und nicht aus Wut oder Unzufriedenheit, sondern vor Schmerzen schreit.

Er hörte den Flügelschlag eines Schmetterlings, das Rauschen der Wipfel des weit entfernt gelegenen Waldes, hörte eine Blindschleiche durchs Gras gleite, er hörte den Atem und das Pulsieren des Blutes, deren Zusammenspiel oft mehr verrät, als jedes Wort.

Als sie ihm ein Zimmer im Keller des Hauses einrichten, verstummt der Junge. Und bleibt es auch. Denn reden, möchte er nicht. Vielmehr möchte Karl sich voll und ganz seiner ganz eigenen, stillen Welt hingeben.

In der, für viele Menschen unerträglichen, Stille, sieht Karl etwas Positives.

Erlösung.

Und die größtmögliche Erlösung, den Tod, gewährt er zunächst Tieren und später auch seinen Mitmenschen, nur zu gerne.

Karl ist zwar ein wenig seltsam, alles in allem aber ein sympathischer Protagonisten und einer jener Täter, welchen man (zumindest zu Anfang) noch verzeiht, da man einfach Mitleid mit ihnen hat. Er handelt nicht aus niederen Instinkten, sondern weil er davon überzeugt ist, das richtige zu tun.

Gleichzeitig schafft der Autor, Thomas Raab, es in seinem gewöhnungsbedürftigen Schreibstil (kurze, abgehackte Sätze ohne jegliche Emotion) Karls Beweggründe so plausibel darzustellen, dass der Leser immer wieder seine eigenen moralischen Werte hinterfragen muss.

Ein großartiges Buch voller Poesie, das spannend, schwermütig und voller Hoffnung eine alternative Sichtweise auf das Leben und den Tod offenbart.


     

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