Russendisko: Erzählungen von Wladimir Kaminer

Inhalt

Wladimir Kaminer reist aus einer Laune heraus von Moskau nach Deutschland, weil die Fahrkarte lediglich 96 Rubel kostet und er für die Einreise in die DDR kein Visum braucht. Daraus wurden mittlerweile über 20 Jahre in der deutschen Hauptstadt. Die Erzählungen behandeln Beobachtungen und Anekdoten aus etwa 10 Jahren Deutsch-Russischem Kennenlernen.

Erster Satz

Im Sommer 1990 breitete sich in Moskau ein Gerücht aus: Honnecker nimmt Juden aus der Sowjetunion auf, als eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die DDR sich nie an den deutschen Zahlungen für Israel beteiligte.

Lesemotivation

Seit Jahren bleibe ich immer wieder bei Fernsehsendungen hängen, in denen der sympathische Autor zu Gast ist. Ich höre ihm wahnsinnig gerne zu, schätze seinen Witz und seine Beobachtungsgabe. Da ich der SubAbbauExtrem-Challenge im April 2016 nur Bücher mit weniger als 300 Seiten lesen darf und gerne wieder etwas Lustiges lesen wollte, entschied ich mich für dieses Buch, das schon seit Jahren in meinem Regal stand.

Meinung

Wie ich bereits in meiner Rezension von “Für Eile fehlt mir die Zeit” von Horst Evers schrieb, bin ich kein besonderer Freund von Kurzgeschichtensammlungen und Erzählbänden. Was mir bei “Russendisko” sehr gut gefiel, war der inhaltliche Zusammenhang der Geschichten. Wladimir Kaminer weiß etliche Anekdoten vom Leben als Russe in Deutschland zu erzählen, bei denen man sich immer wieder wundert und lächelnd den Kopf schüttelt.

Die in Berlin lebenden Russen trauen deutschen Ärzten nicht. Sie sind zu selbstsicher, wissen immer Bescheid, noch bevor der Patient ihre Praxis betritt, und für alle Krankheiten der Welt haben sie sofort die richtige Medizin auf Lager, für alle Probleme des Patienten eine Lösung. Das geht doch nicht! Ein Arzt, der den Russen genehm ist, muss die Furcht des Patienten vor seiner Krankheit teilen, sich alle Geschichten über seine Frauen, Kinder Freunde und Eltern anhören und mit der Diagnose, die sich der Kranke selbst stellt, möglichst einverstanden sein. Ganz wichtig ist auch: Er muss gut Russisch können, sonst kann er die Tiefe des Leidens nicht nachvollziehen.

Vor der Lektüre dieses Buches hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie sehr sich die deutsche und die russische Kultur voneinander unterscheiden. Ob das Buch jetzt helfen kann, das gegenseitige Verständnis füreinander zu verbessern sei dahingestellt; aber zumindest lernen wir, dass manche Russen und manche Deutsche scheinbar den gleichen Humor haben und die gleichen Geschichten für erzählenswert befinden.

Frau U Ti empfing ihre Kundschaft in einer Gemeinschaftspraxis für Heilmedizin. Die Art der Zauberei, die sie ausübte, hieß Kinesiologie. Für DM 30,- beanspruchte sie, bald zu wissen, was Marina fehlte. Dazu nahm sie Marinas Hände und befragte ihre Muskeln auf Deutsch mit leicht chinesischem Akzent. Die russischen Muskeln reagierten leise und geschwächt. Trotzdem konnte Frau U Ti sie sehr gut verstehen.

Kaminer hat für “Russendisko” von 1990 bis kurz nach der Jahrtausendwende etliche Kurzgeschichten zusammengetragen, woraus ein kurzweiliger Lesespaß entstanden ist.

Liebste Stelle

Alle hatten viel erlebt und wollten ihre Abenteuer unbedingt jemandem mitteilen. Nur Ilona, ein Mädchen aus Samarkand, erzählt nie etwas. Sie hatte im Saarland Asyl beantragt und pendelte zwischen Saarbrücken und Berlin, wo sie einem reichen Russen den Haushalt führte.

Ilona hatte noch eine merkwürdige Angewohnheit: Sie nahm nie ihre Mütze ab. Ihre Haare trug sie ganz kurz, dazu eine hässliche Brille. Eine Frau vom Typ Trockenbrot.

Fazit

Mal wieder habe ich mir, bevor ich zu lesen anfing, etwas anderes vorgestellt als das, was mich erwartete. Anders als bei “Bruno, Chef de Police” hat mir das aber gefallen. Aufgrund des Titels war ich davon ausgegangen, dass es darin hauptsächlich um Kaminers legendäre Russendiskos geht – mit denen ich nicht besonders viel anzufangen glaubte. Eine Angst, die unbegründet war, denn tatsächlich kamen die Partys nur in einigen wenigen Erzählungen vor.

Am 6. November fand in der Tacheles-Kneipe Zapata erstmals ein Tanzabend mit russischen Hits statt, unter dem Titel “Wildes Tanzen in den Jahrestag der großen Oktober-Revolution”. Dank der Werbung von “Radio MultiKulti” stieß die “Russendisko” auf allgemeine Begeisterung beim zahlreich erscheinenden Publikum.

Das Zapata war gerammelt voll. Nach den Berechnungen der Frau des Initiators, die an der Kasse stand, waren insgesamt 300 zahlende Besucher gekommen.

Insbesondere weiß ich dank Wladimir Kaminers ausführlicher Beschreibung nun endlich, worauf es russischen Frauen WIRKLICH ankommt.

Ich kenne daneben viele Deutsche, die sich nach einer langen Zeit der Arbeitslosigkeit und Depression ganz schnell einen Job besorgten und sogar erfolgreich Karriere machten, nur weil sie sich in eine Russin verliebt hatten. Sie hatten aber auch keine andere Wahl, weil die russischen Bräute sehr, sehr anspruchsvoll, um nicht zu sagen teuer sind. Sie wollen nicht nur selbst immer anständig aussehen, sie bestehen auch darauf, dass der Mann immer nach dem letzten Schrei gekleidet ist, sodass er sich laufend neue teure Sachen kaufen muss.

(..)

Zur Hochzeit will die russische Braut ein weißes Kleid, eine Kirche, ein Standesamt und anschließend ein gutes Restaurant, mit möglichst vielen Gästen. Dann will sie sich voll dem Familienleben hingeben, aber gleichzeitig auch etwas Schönes studieren. Zum Beispiel Gesang an einer Privatschule.

Ein kurzweiliges Buch, das mich amüsiert und gut unterhalten hat.


     

Trailer

Verfilmung

        

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