Siebentürmeviertel von Feridun Zaimoglu

Inhalt

Nach dem Tod seiner Mutter flieht der sechsjährige Wolf mit seinem Vater vor dem Naziregime nach Istanbul. Die beiden kommen bei der Familie von Abdullah Bey unter, die in Yedikule – dem Siebentürmeviertel – lebt. Ein sozialer Brennpunkt in dem neben Türken, auch Kurden, Armenier, Tschetschenen und Griechen – nicht immer friedlich – nebeneinander leben.

Als Wolfs Vater die Stadt verlässt, bleibt sein Sohn bei Abdullah Bey und dessen Familie, die ihn großziehen und ihn in die Sitten und Traditionen eines Landes einführen, das als Schmelzpunkt vieler Religionen und Kulturen stets zwischen Tradition und Moderne hin und her gerissen scheint.

Nach und nach wird aus dem exotischen, deutschen Kind ein Siebentürmler, der trotz allem irgendwie fremd bleibt und sich gegenüber seinen Klassenkameraden und Freunden tagtäglich beweisen muss.

Erster Satz

Sie nennen mich Hitlers Sohn.

Lesemotivation

Als im August letzten Jahres die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 bekanntgegeben wurde, las ich mich – wie jedes Jahr – in sämtliche nominierten Bücher ein und musste – ebenfalls wie jedes Jahr – feststellen, dass ich entweder nicht für hohe Literatur gemacht bin oder die Jury des bedeutendsten deutschen Buchpreises einen gänzlich anderen Geschmack hat als ich.

Bei vielen Büchern schreckte mich schon alleine die sperrige Sprache der meisten Werke ab, die mir keine Lust darauf machte, mich durch Hunderte von Seiten zu quälen, nur um sagen zu können, dass ich dieses oder jenes Buch gelesen habe.

Eine der wenigen Ausnahmen war Siebentürmeviertel von Feridun Zaimoglu, das mich mit seiner poetischen und verwirrenden Sprache von der ersten Seite an in seinen Bann zog.

Meinung

Ich muss zugeben, dass mich die Lektüre der ersten Kapitel doch sehr verwirrte.

Statt offene Fragen zu klären, wurden neue aufgeworfen. Die Kapitel erschienen mir zunächst einfach nur aneinander gereiht, ohne dass sich mir der Zusammenhang erschloss. Überhaupt erschien mir das ganze Buch eher eine Kurzgeschichten- oder Anekdotensammlung zu sein, als ein Roman.

Es dauerte etwa 150 Seiten, bis ich das Gefühl hatte, in die Geschichte rein zu kommen.

Was mich jedoch von Anfang an begeisterte war die ungewöhnliche Sprache Zaimoglus mit ihren seltsamen vergleichen und kreativen Wortpaarungen, sowie all die mir bis dahin unbekannten Sitten und Bräuche der Türkei der 1940er Jahre.

Sie schauen mir auf den Mund, auf die Zähne. Sie frohlocken, wenn sie meine Zungenspitze sehen. Ein ernstes Spiel mit dem deutschen Kind.

Ich kratze mich am Handknöchel an der Wurzel des mittleren Fingers – sie reißen mir die Hände auseinander. Ich darf es nie wieder tun, weil mein Vater sonst verarmt.

Ein Mann verwarnt die Kinder, sie lehren mich den Aberglauben einer anderen Zeit.

Diese Zeit ist zerschmolzen wie Glas.

Im Endeffekt war Siebentürmeviertel ein Coming-of-Age-Roman, der mich daran teilhaben ließ, wie Wolf in einem fremden Land von einem Jungen zu einem jungen Mann heranwuchs und es trotz widriger Umstände irgendwie schaffte, sich durchzuschlagen.

Ein Roman, der mich immer wieder mit unerwarteten Wendungen überraschte. Der für mich als Leser ebenso verwirrend war, wie für den kleinen Jungen, der sich plötzlich in einer völlig fremden Welt zurecht finden musste.

Ein Roman auf den viele Adjektive zutrafen: spannend, lustig, traurig, erschreckend, melodramatisch, faszinierend. Streckenweise etwas zäh. Vor allem aber zauberhaft.

Liebster Satz

Als sich die Leiche in der Zugluft leicht um die eigene Achse dreht, stürzen wir würgend hinaus, laufen bis zum Feldrain, bleiben stehen, drehen uns um, schauen auf die Hütte in der Ferne, schreiende Vögel über dem Dach.

Fazit

Beim Kauf des Buches erwartete ich einerseits Antworten auf die Fragen, die bereits bei Lektüre der Leseprobe aufgekommen waren. Andererseits wollte ich auf 800 Seiten eine fremde Welt entdecken und eine Stadt kennenlernen, die mich seit Jahren reizt und fasziniert.

Vor allem aber erwartete ich einen Roman, der das Kriegsgeschehen des zweiten Weltkriegs aus Sicht eines Jungen in der Türkei darstellte.

Erwartungen, die nur zum Teil erfüllt wurden.

Denn längst nicht alle Fragen, die im Laufe des Buches aufgeworfen wurden, wurden auch tatsächlich beantwortet. Vom Kriegsgeschehen und den Gräueltaten am anderen Ende Europas bekam ich als Leser nur am Rande etwas mit. Es dauerte, bis ich mich an die fehlenden Anführungszeichen, sowie die ganz eigene Sprache des Autors – die nicht unbedingt zur Sprache eines Kindes passt – gewöhnt hatte.

Trotzdem war Siebentürmeviertel ein tolles Buch und eine willkommene Abwechslung zu den Büchern, die ich sonst lese. Ein modernes Märchen, das bestimmt nicht jedem gefallen wird, aber dennoch einige begeistern dürfte.


        
    

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