QualityLand: Roman von Marc-Uwe Kling

Klappentext

Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles l√§uft rund – Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gef√ľhl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsst√∂rung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verhei√üungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verbl√ľffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Vision√§r, hintergr√ľndig ‚Äď und so komisch wie die K√§nguru-Trilogie.

Erster Satz

Peter Arbeitsloser hat genug.

Meinung

Mark-Uwe Kling hat mit den K√§nguru-Chroniken bewiesen, dass er es versteht, aus allt√§glichen Situationen und einer geh√∂rigen Portion Witz gro√üartige B√ľcher zu kreieren.

Ein Erfolgsrezept, dem er auch in “QualityLand” treu bleibt. Zur Abwechslung tritt er dabei allerdings nicht selbst als Protagonist auf, sondern nimmt seine Leser auf eine aberwitzige Reise in die Zukunft mit.

W√§hrend Peters Gedanken rasen, meldet sich pl√∂tzlich die automatische T√ľr: “Peter, eine mit Sonnenbrille und Kopftuch geradezu vermummte junge Frau dr√ľckt sehr vehement und in wirklich unn√∂tig hoher Frequenz auf meinen Klingelknopf. Vielleicht k√∂nnten Sei einmal nachsehen.”

Den einen oder anderen Seitenhieb auf unsere heutige Gesellschaft kann er sich dabei nicht verkneifen, wobei er auch sich selbst und seine B√ľcher nach Herzenslust auf die Schippe nimmt. Lacher sind in seiner – mitunter Furcht einfl√∂√üenden – Zukunftsvision also garantiert.

Sie essen schweigend weiter, dann erinnert sich Peter an ein neues, praktisches Feature der QualityPartner-App. Sie kann f√ľr jedes Date gute Gespr√§chsthemen vorschlagen. Peter tut so, als habe er eine Nachricht bekommen, und √∂ffnet die App. Das vorgeschlagene Gespr√§chsthema lautet: Wetter.

“F√ľr diese Jahreszeit”, beginnt Peter, “ist es drau√üen, √§h, genauso warm, wie man es erwarten w√ľrde.”

Melissa blickt ihn fragend an.

 

In QualityLand sind personenbezogene Daten √∂ffentlich zug√§nglich. Ein paar gro√üe Firmen lenken die Geschicke der Menschen (die in vielen Bereichen nat√ľrlich l√§ngst durch Maschinen ersetzt wurden) und wissen – ihren Algorithmen sei Dank – ganz genau was jeder einzelne denkt, f√ľhlt und ben√∂tigt.

Leider entsteht dadurch nicht die erhoffte Insel der Gl√ľcklichen, sondern vielmehr eine abgestumpfte und blutleere Gesellschaft, die ihren Alltag nicht mehr selbst√§ndig bewerkstelligen kann und nur noch daf√ľr lebt, ihren RateMe-Rang zu steigern. So entsteht um jeden Bewohner QualityLands eine Blase, in der er nichts weiter tun muss, als “Okay” zu sagen und per TouchKiss zu bezahlen (jener bahnbrechenden Erfindung, dank der man nun beim K√ľssen seines Partners zwangsl√§ufig an das Bezahlen mit dem TouchPad denken muss).

¬†“In QuantityLand 5”, erkl√§rt Kiki, “ist vor einiger Zeit ein Gesetz erlassen worden, das es den Gerichten erlaubt, Sachen zu verbieten, wenn sie bescheuert sind.”

“Ich wandere aus‚Ķ”, sagt Peter.

“Als Erstes sind Karnevalsumz√ľge verboten worden”, erz√§hlt Perry. “Als Zweites haben sie Heizpilze verboten, weil es bescheuert ist, im Winter drau√üen sitzen zu wollen. Bald darauf sind alle Religionen verboten worden. Die Beweisf√ľhrung war sehr einfach: Jemand ist gleichzeitig sein Vater, sein Sohn und eine Taube‚Ķ Bitte was?”

Selbstredend, dass durch diese personalisierte Zensur niemand mehr die Möglichkeit hat, sich in irgendeiner Form weiterzuentwickeln oder den einmal eingeschlagenen Kurs zu verlassen. Geschweige denn mit anderen Meinungen und Weltbildern in Kontakt zu kommen, um sich so zu einem frei denkenden Individuum zu entwickeln. Der vorprogrammierte Niedergang der Menschheit, die von der einst selbst erschaffenen Technologie gelenkt und an die Wand gefahren wird.

Kiki sitzt dort an der Theke einer offenen Cafeteria und beobachtet einen Mann, der immer wieder seinen Kopf gegen die Wand schl√§gt. Aus irgendeinem f√ľr Kiki nicht ersichtlichen Grund h√∂rt der Verr√ľckte pl√∂tzlich damit auf und steuert nun, als ob nichts gewesen w√§re, auf die Cafeteria zu. Er bestellt sich einen gr√ľnen Smoothie und setzt sich auf den Barhocker neben sie.

“Was sollte’n das eben?”, fragt Kiki.

“Sie meinen, warum ich meinen Kopf gegen die Wand gehauen habe?”

“Nee”, sagt Kiki. “Den Impuls kann ich verstehen. Warum haben Sie damit aufgeh√∂rt?”.

“Ich hatte das Mittagsritual beendet.”

“Na das erkl√§rt alles.”

“Ich geh√∂re einer relativ neuen Glaubensgemeinschaft an”, sagt der Mann.

“So?”

“Wir glauben an einen eigentlich gutm√ľtigen g√∂ttlichen Urheber, dem aber w√§hrend der Sch√∂pfung leider immer mal wieder katastrophale Denkfehler unterlaufen sind.”

“Aha.”

“Wir sind Anh√§nger der Stupid-Design-Theorie.”

Kiki grinst. “Ich muss gestehen, die These, dass die Menschheit einem Denkfehler Gottes entsprungen ist, scheint mir plausibler als die Sch√∂pfungsgeschichten aller anderen mir bekannten Religionen.”

Ein Schicksal, dem sich Peter Arbeitsloser (die Nachnamen in QualityLand richten sich nach dem Beruf des Vaters) nicht ohne Gegenwehr ergeben m√∂chte. Sp√§testens seit seine Freundin ihn verlassen hat, fragt sich der Maschineverschrotter mit einstelligem RateMe-Rang, was genau in seinem Leben eigentlich schief l√§uft. Schnell ist das System als Wurzel seines √úbels identifiziert. Doch er f√ľhlt sich machtlos, da ihm aufgrund seines niedrigen Ranges niemand Geh√∂r schenkt.

 Sandra sieht so gut aus, wie ein Mann auf Peter Level es sich nur erhoffen kann: mittel.

Als TheShop – der weltweit beliebteste Versandh√§ndler (in QualityLand ist nur der Superlativ gestattet) ihm einen rosa Delfinvibrator schickt und sich weigert diesen zur√ľckzunehmen (schlie√ülich irrt sich das System nie), reicht es ihm endg√ľltig. Denn er wei√ü ganz genau, dass er dieses Teil weder will noch ben√∂tigt.

Egal, was man ihm einzureden versucht.

Peter begibt sich auf eine gef√§hrliche Mission, deren einziges Ziel es ist, die Obrigkeit dazu zu zwingen, ihren Fehler einzugestehen. Eine Mission, die einige m√§chtige Leute gerne verhindern w√ľrden.

Seit vierundsechzig Minuten sitzt Peter schon an einem runden Tisch in einem Besprechungszimmer und wartet. Er ist exakt vierundsechzig Minuten schlechter gelaunt als vor vierundsechzig Minuten, und da war er auch schon ziemlich schlecht gelaunt.

Zwischen den einzelnen Kapiteln finden sich (farblich abgehobene) Werbeanzeigen und Nachrichtenartikel, wie sie in Zukunft aussehen könnten und die durchaus unterhaltsam sind Рauch wenn einem das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt.

Viele Menschen wollen die Welt durch die rosarote Brille sehen, aber keine Brille tragen. Das ist jetzt kein Problem mehr, dank der brandneuen Optimised-Reality-Kontaktlinsen von QualityCorp, dem Konzern, der dein Leben besser macht. Endlich kann sich jeder seine Welt sch√∂nrechnen lassen. Unsere neuen OR-Linsen k√∂nnen fotorealistische Texturen √ľber Personen und Dinge in der Wirklichkeit legen. Ist deine Wohnung schmutzig, dein Partner zu h√§sslich, dein Kind zu dick? Das musst du jetzt nicht mehr sehen! Aus den Augen, aus dem Sinn! Mach dein Haus zum Schloss und deinen Partner zu einem Supermodel!

Alles in allem ist Marc-Uwe Klings Dystopie ein gelungenes und unerwartet tiefgr√ľndiges Werk, bei dem Fans des Autors zwar voll und ganz auf ihre Kosten kommen, das aber leider nicht an die K√§nguru-Chroniken heranreicht.

Peter h√§lt das St√ľck Steak auf seiner Gabel gegen das Licht und sagt: “Wer h√§tte gedacht, dass unser Essen mal kultivierter sein w√ľrde als wir.”

Liebste Stelle

Das Auto f√§hrt weiter und tut, was Autos so tun, wenn sie sich unbeobachtet f√ľhlen. Wahrscheinlich l√§sst es sich irgendwo volllaufen.


      

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