Mister Aufziehvogel: Roman von Haruki Murakami

Klappentext

Toru Okada ist unzufrieden mit sich und der Welt. Er fühlt sich wie ein Spielzeugvogel, der von wer weiß wem aufgezogen wird. Der 30jährige gibt seinen Job in einer Tokyoter Anwaltskanzlei auf, um sich in Ruhe über einen Neuanfang klar zu werden. Nach seinem Ausstieg aus der Alltagswelt tun sich diesem “Mister Aufziehvogel” plötzlich Wirklichkeiten auf, von denen er bisher nichts ahnte: erotische, ökonomische und politische. Selbst über seine eigene Ehe drängen sich dem Helden schwindelerregende Vermutungen auf. Er erkennt, dass unter dem Alltagsleben der großstadtgesellschaft andere, geheime Kräfter wirken.

Erster Satz

Als das Telefon klingelte, war ich in der Küche, wo ich einen Topf Spaghetti kochte und zu einer UKW-Übertragung der Ouvertüre von Rossinis Die diebische Elster pfiff, was die ideale Musik zum Pastakochen sein dürfte.

Meinung

Immer wieder höre ich, wie Leserinnen und Leser weltweit in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn sie von den Büchern des japanischen Autors Haruki Murakami sprechen. Als mir eine Freundin vor kurzem „Mister Aufziehvogel“ empfahl, das ihr Einstieg in dessen Werk war, zögerte ich nicht und kaufte mir das Buch. Fest dazu entschlossen, mich in die Riege der Murakami-Jünger einzureihen.

Tatsächlich trafen die ersten Kapitel, in welchen der Alltag des Helden Toru Okada beschrieben wird, meinen Geschmack. Leicht zu lesen und sprachlich trotzdem schön, zeigte sich die hervorragende Beobachtungsgabe des Autors, der jedes Detail im Umfeld seines Protagonisten äußerst präzise beschrieb.

Der Auslöser war ein triviales Ereignis, wie eben die meisten wichtigen Dinge auf der Welt geringfügige Anfänge haben. Eines Morgen, nachdem Kumiko, wie an jedem Arbeitstag, das Frühstück heruntergeschlungen hatte und aus dem Haus gehetzt war, steckte ich die Wäsche in die Waschmaschine, machte das Bett, spülte das Geschirr und ging mit dem Staubsauger durch die Wohnung. Dann setzte ich mich mit dem Kater auf die Veranda und sah die Stelleninserate und die Sonderangebote durch. Als es Mittag wurde, aß ich und ging dann zum Supermarkt. Dort kaufte ich Lebensmittel für das Abendessen und, aus einem Regal mit Sonderangeboten, Waschmittel, Reinigungstücher und Toilettenpapier. Wieder zu Hause, bereitete ich das Abendessen vor und legte mich dann, bis Kumiko zurückkäme, mit einem Buch auf das Sofa.

Bald aber wurde mir Murakamis Blick für die Details im Alltag eines arbeitslosen Anwaltsgehilfen zu viel. Zwar bringt er die Banalität und Tristesse der ständig wiederkehrenden Tätigkeiten – bügeln, waschen, kochen, einkaufen – sehr gut herüber, sie interessierten mich aber ebenso wenig, wie der Streit über Toilettenpapier und Taschentücher, den Toru mit seiner Frau Kumiko ausfechtet.

Als sie kurz darauf aus dem Badezimmer kam, hielt sie etwas in der Hand. Es waren das Toilettenpapier und die Papiertücher, die ich im Supermarkt gekauft hatte.

“Warum hast du das Zeug gekauft?” fragte sie in entnervtem Ton.

Den Wok in der Hand, sah ich sie an. Dann sah ich auf die Schachtel mit den Tüchern und die Packung Toilettenpapier. Ich hatte nicht die blasseste Ahnung, worauf sie hinauswollte.

“Wieso? Das sind Papiertücher und Klopapier. Wir brauchen die Sachen. Nicht unbedingt sofort, aber sie werden schon nicht verschimmeln, wenn sie ein Weilchen herumstehen.”

“Nein, natürlich nicht. Aber warum mußtest du unbedingt blaue Tücher und geblümtes Klopapier kaufen?”

“Ich kann dir nicht ganz folgen, sagte ich und bemühte mich, ruhig zu bleiben.”Sie waren im Angebot. Von blauen Papiertüchern wirst du schon keine blaue Nase kriegen. Wo ist das Problem?”

“Es ist ein Problem. Ich hasse blaue Papiertücher und geblümtes Klopapier. Wußtest du das nicht?”

“Nein, wußte ich nicht”, sagte ich. “Warum haßt du sie denn?”

“Woher soll ich denn wissen, warum ich sie hasse? Ich tu’s eben.”

Überraschend und interessant empfand ich lediglich die Erkenntnis, dass mir die Alltagssorgen der Okadas erschreckend bekannt vorkamen. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir den Alltag der Japaner befremdlicher – irgendwie exotischer – vorgestellt, doch seltsamerweise kam mir alles sehr vertraut vor und ich stellte fest, dass die Japaner uns Mitteleuropäern ein ganzes Stück ähnlicher zu sein scheinen, als ich dachte.

Dennoch gefiel mir das erste der drei Bücher des Romans ausgesprochen gut. Bis zu dem Punkt, als mit den Schwestern Malta und Kreta Kano das Übersinnliche Einzug in den Roman hält und die Realität mehr und mehr einer Traumwelt weicht. Vielleicht störte mich das nur deshalb so, weil ich es nicht erwartet hatte, aber alles in allem möchte ich innerhalb eines Romans lieber in einer Welt bleiben.

Ab und an hörte ich das Geräusch des Windes. Wie er über die Erdoberfläche dahinstrich, erzeugte er an der Öffnung des Brunnens ein schauriges Geräusch, ein Geräusch wie das Stöhnen einer weinenden Frau.

Mit den Briefen des Leutnant Mamiya kommt eine weitere Ebene hinzu – die Geschehnisse in der ehemals japanischen Kolonie Mandschukuo während des Zweiten Weltkriegs. Ein Kapitel der Geschichte, das mir vollkommen neu war. Entsprechend interessant fand ich die Frontberichte des Leutnants, auch wenn mir die detaillierte Schilderung der grausamen russischen Foltermethoden zu viel war. Insbesondere auf die Details zur Häutung eines japanischen Gefangenen bei lebendigem Leib hätte ich gut und gerne verzichten können.

Nicht verzichten wollen hätte ich hingegen auf die erfrischenden Szenen, die sich zwischen Toru Okada und May Kashahara abspielten. Wenn sie über Gott und die Welt reden und dabei über dies und das philosophieren, während beide voneinander lernen. Auch Mays Briefe an Toru habe ich gerne gelesen, da ich wusste – hier passiert zumindest keine Grausamkeit, es gibt immer etwas zu schmunzeln und meistens etwas zum Nachdenken.

Nicht nur stört das die Perückenfirma nicht; es scheint ihr sogar lieber zu sein, wenn die Mädchen nur ein paar Jahre hier arbeiten und, sobald sie heiraten, kündigen. Es ist ein ganzes Stück unkomplizierter, eine häufig wechselnde Belegschaft zu haben, als sich mit Lohnerhöhungen und Altersversorgung und Gewerkschaften und was weiß ich nicht alles rumärgern zu müssen. Um die paar Mädchen, die das Zeug zur Teamchefin haben, kümmert sich die Firma ein bißchen mehr, aber die anderen, gewöhnlichen Mädchen sind für sie einfach Verbrauchsmaterial.

Am Ende bleiben auch nach über 700 – teils ziemlich langatmigen – Seiten viele Fäden offen und ich blieb ein wenig ratlos zurück, ob ich den tieferen Sinn des Buches überhaupt verstanden habe. Alles in allem kein schlechtes Buch, das mich sprachlich überzeugen konnte und inhaltlich einiges bot, letzten Endes aber irgendwie nicht so ganz meins war.

Zumindest der erhoffte Murakami-Jünger bin ich (noch) nicht geworden. Schade.

Liebste Stelle

Die Zeit entzieht in der Regel den meisten Dingen ihr Gift und macht sie harmlos.

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