Limonow: Romanbiografie von Emmanuel Carrère

Klappentext

Eduard Limonow, spätestens seit der Gründung der Nationalbolschewistischen Partei eine der umstrittensten und widersprüchlichsten Figuren Russlands, lebt sein abenteuerliches Leben mit einer schwindelerregenden Intensität. Er verbrachte seine Jugend als Kleinkrimineller und dann als gefeierter Underground-Dichter in Charkow und Moskau, lebte als hungerleidender und partyfeiernder bisexueller Dandy-Autor in New York und Paris, kämpfte als Freiwilliger in den Balkankriegen auf Seiten der Serben, schloss sich mit seiner Partei Kasparow und der Bewegung Neues Russland an und saß im Gefängnis. Eine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2012 wurde ihm verweigert, inzwischen agiert er als einer der führenden Köpfe der demokratischen Opposition. Seine politische Haltung oszilliert zwischen extrem rechts und extrem links – immer in Opposition zum Establishment und immer auch als ästhetische Geste einer Gegenkultur.

Carrère erzählt in dieser alle Genres sprengenden Romanbiografie, die den Leser von der ersten Seite an in gefesselte Aufmerksamkeit versetzt, die schillernde Geschichte Eduard Limonows, rekonstruiert ein Leben, das ihn fasziniert aber auch abstößt – und skizziert wie nebenbei seine eigene Annäherung an das heutige Russland.

Erster Satz

Bevor Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 im Treppenhaus ihres Wohnblocks abgeknallt wurde, war der Name dieser couragierten Journalistin und erklärten Gegnerin der Politik Putins nur denjenigen bekannt, die sich mit den Kriegen in Tschetschenien genauer befassten.

Meinung

Emmanuel Carrère versucht sich in „Limonow“ daran die Biografie des russischen Schriftstellers Eduard Wenjaminowitsch Sawenko, genannt Limonow, mit Romanelementen zu verknüpfen; was ihm – unter Missachtung sämtlicher Genre-Grenzen – hervorragend gelingt.

Ein verkrachter Verbrecher und ein verhinderter Dichter, zu einem Scheißleben in einem Loch am Arsch der Welt verdammt. Man hat ihm oft gesagt, er habe Glück gehabt, nicht mit Kostja und den beiden anderen an dem Abend zusammen gewesen zu sein, als diese betrunken einen Mann töteten. Aber ist das wirklich so sicher? Wäre es nicht besser, lebendig zu sterben als tot zu leben?

Dabei spielt ihm Eduard Limonows außergewöhnlicher Lebensweg, der vor ungewöhnlichen Ereignissen und unglaublichen Wendungen nur so strotz (und von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte), sicherlich in die Hände. Selten habe ich eine Biografie gelesen, die dermaßen prädestiniert ist, zwischen zwei Buchdeckeln erzählt zu werden. Darüber hinaus ist Carrère ein meisterhafter Erzähler, der es schafft über Limonows Werdegang seinen eigenen Lebensweg zu reflektieren und mit den politischen Ereignissen der Zeit in Zusammenhang zu bringen. Ein Kunststück, das aus „Limonow“ nicht nur eine Doppelbiografie, sondern auch ein politisches Buch macht, das einige Geschehnisse des (politischen) Weltgeschehens aus einer ganz anderen Perspektive heraus erzählt.

Ein Franzose, der zum ersten Mal nach New York kommt, ist beim Anblick der Stadt nicht weiter verblüfft, oder wenn er es ist, dann weil sie dem so ähnelt, was er aus Filmen von ihr kennt. Für Eduard und Elena, Kinder des Kalten Kriegs und eines Lands, in dem amerikanische Filme verboten sind, ist die ganze Bildwelt neu: der Dampf, der aus Lüftungsschächten strömt; Metallleitern, die wie Spinnen an den Hauswänden aus geschwärzten Ziegeln kleben; die Neonlichter, die auf dem Broadway ineinanderfließen; die Skyline von einem Rasen im Central Park aus gesehen; die unablässige Betriebsamkeit, die Sirenen der Polizeiwagen, die gelben Taxis und die schwarzen Schuhputzer; Leute, die allein vor sich hin reden, während sie auf der Straße gehen, ohne dass jemand einschreitet … Für jemanden aus Moskau ist es wie ein Wechsel vom Schwarz-Weiß- zum Farbfilm.

Auch die Selbstverständlichkeit mit welcher Carrère über all das schreibt, ist mir so noch nicht begegnet. Zwar musste man kein Russland-Experte sein, um bereits 2011 vorherzusehen, dass Putin für eine dritte Amtszeit kandidieren wird, doch vor Augen geführt zu bekommen, dass es sich dabei um einen lange vorbereiteten Plan handelte und zu erfahren in welchem Maße das russische Volk (trotzdem – oder gerade deswegen?) hinter ihm zu stehen scheint,  fand ich schon bemerkenswert.

Auch ist es Kasparow, der entschlossen loslegt und erklärt, warum die Präsidentschaftswahlen, die im kommenden Jahr – 2008 – bevorstehen, ein historisches Ereignis seien. Putin beendete seine zweite Amtszeit, die Verfassung verbiete ihm eine dritte, und er habe rings um ihn herum alle so erfolgreich weggebissen, dass kein Kandidat aus den Reihen der Macht in Sichtweite ist. Zum ersten Mal in der Geschichte Russlands habe eine demokratische Opposition eine reale Chance. Da die Medien mundtot gemacht würden, wisse man nicht, inwieweit die Russen genug von den Oligarchen, der Korruption und der Allmacht des FSB haben, aber er, Kasparow, wisse es. Er redet gewandt, seine Stimme hat das Timbre eines Cellos, und ich beginne mir einzubilden, dass die Schweden möglicherweise recht haben. Ich möchte gern glauben, dass ich etwas Großem, außergewöhnlichem beiwohne, etwas wie den Anfängen der Solidarność. In diesem Moment feixt mein Nachbar, ein englischer Journalist, und flüstert mir mit gingeschwängertem Atem zu: “Bullshit. Die Russen verehren Putin und verstehen nicht, warum eine beschissene Verfassung ihnen verbieten soll, einen so guten Präsidenten dreimal hintereinander zu wählen. Aber vergessen Sie eines nicht: Was die Verfassung verbietet, sind drei Amtszeiten in Folge. Doch sie verbietet nicht, eine Runde auszusetzen mit einem Strohmann an der Spitze, der den Sessel warm hält, und danach wiederzukommen. Sie werden sehen.”

Am spannendsten jedoch fand ich die frühen Jahre Limonows, die im ersten Drittel des Buches geschildert werden und die einer Achterbahn der Gefühle gleichen. Wie er sich in seiner ukrainischen Heimat Charkiw als Fabrikarbeiter durchschlägt, während er gleichzeitig vom Ruhm träumt. Wie er nach Russland übersiedelt und dort Kontakte zum literarischen Untergrund knüpft, ehe es ihn in die USA verschlägt, wo er auf der Straße landet und sich von ganz unten zu einem der bedeutendsten russischen Schriftsteller der Gegenwart hocharbeitet. All das macht einen beim Lesen atemlos, betroffen und gleichzeitig froh. Zeigt es doch, dass es im Leben vor allem darauf ankommt, den Mut und den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren. Selbst wenn die eigene Biografie keinem konventionellen Lebenslauf entspricht.

Während der ersten Tage verlässt er weder dieses Zimmer noch dieses Bett. Er ist zu schwach, zu übel zugerichtet, und wo sollte er auch hingehen? Keine Frau mehr, keine Arbeit mehr, keine Eltern mehr, keine Freunde. Sein Leben ist auf diesen Radius zusammengeschrumpft: vier Schritte lang, drei Schritte breit, ein abgenutzter Linoleumboden, Laken, die alle zwei Wochen gewechselt werden, und ein Geruch nach Chlorreiniger, der versucht, den nach Pisse und Erbrochenem zu überdecken – genau das, was ein Typ wie er braucht.

Sehr interessant fand ich zudem die russische Sicht auf geschichtliche Ereignisse, die mir zu mehr Verständnis gegenüber einem Land verhalfen, das zwar in den Medien sehr präsent, einem aber dennoch total fremd ist. Vor allem überdachte ich meine eigenen (Vor)Urteile und fragte mich, ob man manche Dinge nicht zwangsläufig anders sehen muss, wenn man in einer anderen Gesellschaft aufwächst. Insbesondere, wenn die dortigen Medien andere Schwerpunkte setzen.

Bei allen Unterschieden gelingt es Carrère meisterhaft, dem Leser die Motive der Menschen zu vermitteln und die Welt durch ihre Augen zu sehen ohne dabei schulmeisterlich zu wirken.

Der Augenarzt, der ihn untersuchte, ließ seinen Eltern jedenfalls nur wenig Hoffnung: Mit einem so schlechten Sehvermögen sei ihr Sohn aller Voraussicht nach wehrdienstuntauglich.

Diese Diagnose ist für ihn eine Tragödie. Er hatte niemals vorgehabt, etwas anders zu werden als Offizier, und nun erklärt man ihm, dass er nicht einmal seinen Militärdienst machen würde und dazu verurteilt sei, das zu werden, was man ihm seit frühester Kindheit beigebracht hatte zu verachten: ein Zivilist.

Nun kann man eine Biografie nicht ändern und Limonows Lebenslauf bietet dem Leser gewiss viele spannende Lesestunden, dennoch gibt es in der Mitte des Buches einige Längen. An manchen Stellen hätte Carrère sich vielleicht etwas mehr zurückhalten und einfach erzählen können, wie es weitergeht anstatt Limonows Taten zu bewerten und dadurch den Lesefluss zu unterbrechen. An anderer Stelle hätte ich dafür gerne mehr Hintergrundinformationen erhalten. Etwa wenn es um Ereignisse ging, die keinen allzu großen Einfluss auf das Weltgeschehen hatten oder über die bei uns nicht so ausführlich berichtet wurde. Nicht zuletzt hätte man auf manche Anekdoten getrost verzichten können, auch wenn ich sie ganz aufschlussreich fand.

Eduard stört sich an der ununterbrochen auf dem Herd brennenden blauen Gasflamme. Er will sie ausmachen, aber seine Mutter protestiert: Das hält warm, und außerdem ist dann etwas da, es ist, als sei jemand mit ihr im Raum. “In Paris würde mich das Tausende von Francs kosten”, bemerkt er, und von dem Wenigen, was er über sein Leben im Ausland erzählt, ist es dieses Detail, was sie bei Weitem am meisten verblüfft: “Willst du damit sagen, dass der Staat dort so knauserig ist, dass er euch fürs Gas bezahlen lässt?” Sie kann es nicht fassen, doch dann sagt sie nachdenklich: “Aber Gorbatschow und seine kleinen Besserwisser scheinen bei uns das Gleiche einführen zu wollen …”

Da dies mein erstes Buch von Emmanuel Carrère war, gingen auch die Abschweifungen in Ordnung, in welchen er Informationen zu seiner Herkunft, seinem Werdegang und seinen Träumen lieferte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte es dem Buch aber gut getan, sich auf Limonows Biografie und die damit verbundenen (und so oft gelobten) Einblicke in die russische Seele zu konzentrieren.

Ich lebe in einem ruhigen, abweisenden Land, das soziale Mobilität nur begrenzt zulässt. In einer großbürgerlichen Familie aus dem XVten Arrondissement von Paris geboren, bin ich ein Angehöriger der bürgerlichen Boheme des Xten geworden. Als Sohn eines Angestellten in Führungsposition und einer renommierten Historikerin schreibe ich Bücher und Drehbücher, und meine Frau ist Journalistin. Meine Eltern besitzen ein Ferienhaus auf der Ile de Ré, ich selbst würde gern eines im Département Gard kaufen. Ich halte das für nichts Verwerfliches und denke nicht, dass es Rückschlüsse auf den Reichtum an menschlicher Erfahrung zuließe, aber sowohl vom geographischen als auch vom soziokulturellen Standpunkt aus gesehen kann man nicht gerade behaupten, dass mich das Leben sehr weit weg von meinen Wurzeln geführt hat, und diese Beobachtung gilt auch für die meisten meiner Freunde.

Limonow dagegen war ein Kleinkrimineller in der Ukraine, ein Idol des sowjetischen Undergrounds, Obdachloser, Kammerdiener eines Milliardärs in Manhattan, Starschriftsteller in Paris, ein Soldat, der sich in den Balkanraum verirrte, und jetzt, in diesem heillosen Chaos des Postkommunismus, ist er der alte, charismatische Chef einer Partei von jugendlichen Desperados. Er selbst sieht sich als Helden, man kann ihn auch als einen Drecksack betrachten: Ich selbst behalte mir mein Urteil vor. Aber nachdem ich die Anekdote von den Waschbecken in Saratow zunächst einfach nur kurios fand, schien mir, sein romanhaftes, gefährliches Leben erzähle etwas. Nicht nur über ihn, Limonow, und nicht nur über Russland, sondern über unser aller Geschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Etwa, ja, aber was? Ich beginne dieses Buch, um es zu begreifen.

Ganz sicher machen einige Belanglosigkeiten Limonow aber umso sympathischer, da sie zeigen, dass es selbst in einem so spannenden und bewegten Leben, wie dem seinen, ruhige und unspektakuläre Phasen gibt, in welchen die Alltagstristesse die Oberhand gewinnt.

Er erinnert sich sehr gut an den Augenblick zuvor. Ein gewöhnlicher Moment, einer derjenigen, aus denen die gewöhnliche Zeit gewebt ist.

Insgesamt war „Limonow“ eines der besten und das mit Abstand interessanteste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Neben der großartigen Sprache sind es vor allem die Einblicke in die russische und französische Kultur, die das Buch so lesenswert machen. Außerdem lieferte es Denkanstöße, um die eigenen Sichtweisen kritisch zu hinterfragen und am Ende vielleicht sogar zu erkennen, dass sich in manchen Punkten eben doch alle einig sind.

Ein Schriftsteller, der von sich reden machen will, hat, vereinfacht gesagt, die Wahl zwischen dem Erfinden von Geschichten, dem Erzählen von wahren Begebenheiten oder dem Äußern seiner Ansichten über den Lauf der Welt.

Eine klare Leseempfehlung (nicht nur) für alle, die an Politik, anderen Kulturen und der jüngeren europäischen Geschichte interessiert sind. Mein erstes, aber sicher nicht mein letztes Buch des französischen Autors.

 Liebste Stelle

Dass Polizei oder Armee korrupt sind, liegt in der Ordnung der Dinge. Dass ein menschliches Leben wenig wert ist, gehört zur russischen Tradition. Aber die Arroganz und Brutalität der Machtrepräsentanten, wenn einfache Bürger es wagten, sie um Rechenschaft zu bitten, und ihre absolute Gewissheit, straffrei zu bleiben, die ertrugen weder die Mütter der Soldaten noch die der Kinder, die in der Schule von Beslan im Kaukasus massakriert worden waren, noch die Angehörigen der Opfer aus dem Dubrowa-Theater.


       

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