Letzter Mann im Turm: Roman von Aravind Adiga

Klappentext

Die Mitglieder der Vishram Society in Mumbai gehören der Mittelklasse an. Im »Turm«, ihrem Wohnblock, erheben sie sich aus dem Slum und halten sich für etwas Besseres. Bis der Immobilienhai Shah sie mit fettem Geld lockt: Er will den Turm abreißen und an dessen Stelle einen luxuriösen Glaspalast errichten. Von einem Tag auf den anderen zerbricht die Harmonie der Bewohner. Alle wollen verkaufen, doch der Physiklehrer Murthy widersetzt sich entschlossen. Sein ganzes Leben hängt an diesem Turm…

Erster Satz

Wenn Sie sich nach der Vishram Society erkundigen, wird man Ihnen als erstes sagen, diese sei pucca, anständig – absolut und untadelig pucca.

Meinung

Ich habe dieses Buch vor einigen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt und war vom interessanten Klappentext, sowie dem tollen Schreibstil der ersten Buchseiten total begeistert. Als ich „Letzter Mann im Turm“ nun vor einigen Wochen zu lesen begann, erwartete ich ein Indienepos, das mich sowohl inhaltlich als sprachlich begeistern würde. Außerdem hoffte ich, einen Einblick in den indischen Alltag zu bekommen und dieses exotische Land dadurch besser kennenzulernen.

Vor allem im letzten Punkt wurden meine Erwartungen voll und ganz erfüllt.

 Was ist Bombay?

Aus dem 13. Stock gibt ein Fenster die Antwort: Banyanbaum, Maidan, Stein, Ziegel, Turm, Kuppel, Meer, Falke, blühende Röhren-Kassie, Smog am Horizont, neogotische Phantasmagorie (Victoria Terminus und das Rathaus), die sich aus dem Smog herausschälen.

Aravind Adiga machte es mir mit seiner bildhaften Sprache (sowie den Übersichtskarten am Anfang und Ende des Buches) leicht, in dieses faszinierende und kontrastreiche Land einzutauchen. Ich konnte Mumbai mit seinen Farben, Gerüchen, dem Prunk und der bitteren Armut förmlich vor mir sehen.

Die ersten 200 Seiten flogen nur so dahin, bis der erste Rausch nachließ und mich die großartige Sprache nicht mehr über die stagnierende Entwicklung der Geschichte hinwegzutragen vermochte.

Nach einem zehnminütigen Spaziergang erreichten die beiden alten Männer den Markt ihres Wohnviertels, eine Reihe blauer Holzstände, die von weißen Neonröhren oder nackten gelben Glühbirnen beleuchtet wurden und in denen die unterschiedlichsten Dinge gehandelt und Dienstleistungen angeboten wurden; ein Hühnerladen roch nach Geflügelkot und rohem Fleisch, der Stand eines Zuckerrohrverkäufers war von einer Saccharose-Gloriole umgeben, der Kopierer in einem Schreibwarenladen zwinkerte blendende Blitze und ein Friseursalon, in dem sogar zu dieser Uhrzeit Hochbetrieb herrschte, stank nach Rasierschaum und Klatsch.

Die Ausgangslage ist sehr spannend – eine Hausgenossenschaft erhält das großzügige Angebot eines Immobilienhais, der das allmählich verfallende Gebäude der Vishram Society abreißen möchte, um dort moderne Luxusapartments zu bauen.

Für die Bewohner ist das die einmalige Chance, der Unterschicht zu entfliehen und am Aufschwung ihres Heimatlandes zu partizipieren. Dafür müssen aber alle Bewohner dem Angebot innerhalb einer gesetzten Frist zustimmen. Da nicht alle Bewohner ihre Wohnung verlassen wollen, selbst wenn sie noch so viel Geld geboten bekämen, ergibt sich ein interessanter Konflikt, der durch die menschliche Gier sogar lebensgefährlich werden kann.

Auch die Bewohner der Vishram Society bieten einen interessanten Querschnitt der indischen Gesellschaft. Hier wohnen Christen, Hindus und Moslems friedlich miteinander. Es gibt Pensionäre, Lehrer, Selbständige und solche, die ihr Geld mit zwielichtigen Geschäften verdienen. Solche die alleine wohnen, zu zweit  oder als Familie.

 Das Alter hatte sich in Fettringen um Mrs Puri gelegt, aber ihr Lachen stammte von dem schlanken Mädchen tief in ihr drin, eine fröhliche, hell klingende, aufsteigende Elfenbeintreppe der Heiterkeit.

Irgendwann hatte ich aber das Gefühl, dass der Autor die Geschichte, einem Bollywood-Film gleich, unnötig in die Länge zog. Weniger wäre hier, meiner Meinung nach, mehr gewesen.

Irgendwie quälte ich mich durch 250 langatmige Seiten, bis es auf den letzten 50 Seiten für einen kurzen Moment noch einmal spannend wurde. Den vorhersehbaren Epilog hatte ich allerdings nicht gebraucht und wäre froh gewesen, das Buch ein paar Seiten eher beenden zu können.

 Was würde er mit seiner verbleibenden Zeit anfangen, diesem Zigarettenstummel an Jahren, der einem Mann über sechzig noch blieb?

Da ich über Aravind Adiga und „Letzter Mann im Turm“ viel Positives gelesen und gehört hatte, blieb ich am Ende enttäuscht zurück und würde das Buch, trotz sprachlicher Stärke, kein zweites Mal lesen.

 Liebste Stelle

Regenwasser tröpfelte pizzicato von einer Kokospalme, ein virtuoses Solo voller Leichtigkeit im Konzert von Gewitterwolken, verhangenem Himmel und Regen, der immer stärker wurde.


       

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