Jeder stirbt für sich allein: Roman von Hans Fallada

Klappentext

Ein Berliner Ehepaar wagte einen aussichtslosen Widerstand gegen die Nazis und wurde 1943 hingerichtet. Von ihrem Schicksal erfuhr Hans Fallada aus einer Gestapo-Akte, die ihm durch den Dichter und späteren Kulturminister Johannes R. Becher in die Hände kam. Fieberhaft schrieb Fallada daraufhin diesen Roman nieder und schuf ein Panorama des Lebens der „normalen“ Leute im Berlin der Nazizeit: Nachdem ihr Sohn in Hitlers Krieg gefallen ist, wollen Anna und Otto Quangel Zeichen des Widerstands setzen. Sie schreiben Botschaften auf Karten und verteilen sie in der Stadt. Die stillen, nüchternen Eheleute träumen von einem weitreichenden Erfolg und ahnen nicht, dass Kommissar Escherich ihnen längst auf der Spur ist.

Erster Satz

Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch.

Meinung

Vor einigen Jahren erfuhr ich auf der Frankfurter Buchmesse von der Neuübersetzung dieses Klassikers, der 2012 erstmal in der Originalfassung erschien. Auch wenn ich den ursprünglichen Text nie gelesen habe, faszinierte mich das Thema des Romans. Zwei alte, unscheinbare Leute die, nach dem Tod ihres Sohnes, durch das Schreiben von Postkarten stillen Protest am NS-Regime üben und dafür mit dem Leben bezahlen.

Erst beim Lesen des Anhangs erfuhr ich, dass die Geschichte der Quangels einen wahren Kern hat und es in den 1940er Jahren tatsächlich ein Paar gab, das durch die Ablage von Postkarten mit staatsfeindlichem Inhalt zum Tode verurteilt wurde. Außerdem erfuhr ich, dass Hans Fallada diesen Roman eigentlich gar nicht schreiben wollte (das Thema war ihm von einem Freund vorgeschlagen worden), da er sich selbst als Mitläufer sah und daher nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere zeigen wollte. Umso beeindruckender, was er in nur wenigen Wochen aus dem Stoff gemacht hat.

Klein, schlecht bezahlt und schlecht ernährt, mit schiefen Beinen, einer unreinen Haut und kariösen Zähnen erinnerte Klebs an eine Ratte, und er verrichtete seine Geschäfte, wie eine Ratte in Abfalltonnen wühlt. Immer war er bereit, eine Stulle Brot anzunehmen, um was zu trinken oder zu rauchen zu betteln, und seine klägliche quiekende Stimme bekam bei diesem Betteln etwas leise Pfeifendes, als gehe dem Unseligen der letzte Atem aus.

Obwohl dies mein erstes Buch von Hans Fallada war, ging ich mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Lektüre von „Jeder stirbt für sich allein“; wusste ich doch, dass er zu den ganz großen deutschen Schriftsteller zählt.

Auch wenn manchen die Sprache dieses Romans zu trivial erscheint, um ihn als Literatur anzusehen, habe ich selten einen Autoren erlebt, der Alltägliches so knapp und präzise beschreiben kann. Der schnörkellose, sachliche Schreibstil stand in krassem Gegensatz zu den Schrecken, die in dem Roman beschrieben werden. Auch die holzschnittartigen und oftmals klischeehaften Figuren wollen nicht so recht dazu passen. Vielleicht sind aber genau diese Stilmittel die einzige Möglichkeit, um solche Grausamkeiten überhaupt niederschreiben zu können.

Auch der über weite Strecken verwendete Schreibstil des auktorialen Erzählers diente vermutlich dem gleichen Zweck.

Sie waren wie zwei Liebende, die sich in einer Sturmflut, in den Wogen, im Zusammenbruch der Häuser, zwischen ertrinkendem Vieh, aneinandergeklammert haben und glauben, kraft ihrer Gemeinsamkeit, ihrer Liebe dem allgemeinen Untergang entgehen zu können. Sie hatten noch nicht begriffen, dass es in diesem Kriegs-Deutschland ein privates Leben überhaupt nicht mehr gab. Kein Sichzurückziehen rettete davor, dass jeder Deutsche zur Allgemeinheit der Deutschen gehörte und das deutsche Schicksal miterleiden musste – so wie ja auch die immer zahlreicher werdenden Bomben wahllos auf Gerechte wie Ungerechte fielen.

Auf den ersten 100 Seiten fiel es mir nicht gerade leicht, in den Roman hineinzukommen. Es werden etliche Figuren vorgestellt, die sich nicht in einen klaren Zusammenhang bringen lassen. Ich verstand zu Beginn nicht einmal, dass die Quangels die Hauptprotagonisten sein sollen (in der Regel lese ich die Klappentexte nur beim Kauf und nicht unmittelbar vor der Lektüre).

Seltsamerweise entstanden dabei keine Längen, obwohl die Geschichte gemächlich vor sich hindümpelte. Zu interessant fand ich die Einblicke in den Alltag der damaligen Zeit. Insbesondere der Arbeiter und einfachen Leute. Die Art und Weise, wie Fallada die Berliner Schnauze der Romanfiguren einfängt, gefiel mir sehr gut. Ich hätte sofort den schleppenden, nasalen klang des Berlinerischen im Ohr und musste dabei oft an meine Oma denken, die zur gleichen Zeit in Berlin aufwuchs.

Nach etwa 200 Seiten entwickelte die Geschichte sich in eine klare Richtung und entfaltete eine unwahrscheinliche Sogwirkung, in der die Angst der Bevölkerung in Nazi-Deutschland aus jeder Zeile sprach.

Da dies mein erstes Buch von Hans Fallada war, kann ich es nicht mit anderen Werken von ihm vergleichen. Doch die Mischung aus der bedrückenden Atmosphäre, die damals in dem Land herrschte, das – von einem Wahnsinnigen reagiert –  so unendlich viel leid über sich und andere gebracht hat und der Bewunderung für das mutige Ehepaar, fesselte mich und trieb mir oftmals beinahe die Tränen in die Augen.

„Jeder stirbt für sich allein“ ist in jedem Fall alles andere als leichte Kost und manchmal so schrecklich, das ich es nur schwer aushielt. Trotzdem schwebte über allem Schrecken die Hoffnung, dass die Quangels nach ihrer Verurteilung doch noch mit dem Leben davonkommen.

Er schläft ein, und wer ihn jetzt schlafen sehen könnte, der würde ihn lächeln sehen, ein grimmiges Lächeln auf diesem harten, trockenen Vogelgesicht, ein grimmiges, kämpferisches Lächeln, doch kein böses.

Ich finde es wichtig, dass die Geschichten von damals auch heute noch gelesen werden, um uns ins Gedächtnis zu rufen, was einmal war und was nie wieder passieren darf. Insbesondere in einer Zeit, in der rechte Strömungen mehr und mehr Zulauf erhalten und drohen allmählich wieder gesellschaftsfähig zu werden.

Da sitzt er in einem dieser großen Bierrestaurants am Alexanderplatz, er trinkt ein Glas Bier, er bekommt auch noch markenfrei essen. Wir schreiben das Jahr 1940, die Ausplünderung der überfallenen Völker hat begonnen, das deutsche Volk hat keine großen Entbehrungen zu tragen. Eigentlich ist noch fast alles zu haben, und noch nicht einmal übermäßig teuer.

Ein beklemmendes Zeitzeugnis mit viel Lokalkolorit, das dem Leser nach einem schleppenden Anfang ein wahres Wechselbad der Gefühle beschert, immer wieder die eigene Moral in Frage stellt und unweigerlich die Frage aufwirft, wir man selbst reagiert und auf welcher Seite man gestanden hätte.

Liebste Stelle

So wenig er auch von der Musik halten mochte, er merkte doch, dass dieses Summen ihn beeinflusste. Manchmal machte es ihn mutig und stark genug, jedes Schicksal zu ertragen, dann sagte Reichhardt wohl: “Beethoven”. Und manchmal machte es ihn auf eine unbegreifliche Art leicht und fröhlich, wie er es nie in seinem Leben gewesen war, dann sagte Reichhardt: “Mozart”, und Quangel wusste nichts mehr von seinen Sorgen.

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