Insulanerkind – eine Kindheit auf Baltrum: Roman von Kirsten Wendt

Klappentext

Erwachsene denken immer, Kinder hätten keine Probleme: gar nicht wahr.
Zuerst sieht beim Umzug auf die kleinste ostfriesische Insel alles nach einem riesengroßen Abenteuer für Kirsten aus. Am Hafen himmelt sie die Schlagerstars der Siebzigerjahre an, die auf Hitparaden-Tour mit Dieter Thomas Heck unterwegs sind. Und in der Mittagshitze am Strand heult sie dicke Tränen, weil sie eine Folge von „Heidi“ verpasst hat.
Die autofreie Insel ist ein Paradies für Kinder. Doch rasch entwickelt sich die neue Heimat zu einem Ort der Einsamkeit. Allein unter lauter Insulanern, sehnt sie sich nach einer Vertrauten – und findet sie schließlich in einem Gästekind. Als die beste Freundin vom Festland schwer erkrankt und Kirstens Eltern ihre eigenen Probleme mit dem Leben auf Baltrum bekommen, beschließt sie, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Erster Satz

Der Mann auf der roten Bank tat nur so, als würde er Zeitung lesen.

Meinung

In den letzten Jahren habe ich schon ein paar Bücher von Kirsten Wendt gelesen. Während mich die Krimis nicht wirklich überzeugen konnten, gefielen mir ihre humorvollen Bücher sehr gut. Entsprechend gespannt war ich, wie sie ihre Kindheitserinnerungen verpacken würde.

Als ihr Vater die Stelle des Kurdirektors auf Baltrum antritt, zieht Kico mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder auf die Nordseeinsel. Was sich wie ein großes Abenteuer anhört, gestaltet sich als schwierig, da sie (anders als die anderen Mädchen) keine Pferde mag, nicht besonders sportlich ist und auch sonst andere Interessen hat, als die Insulanerkinder. Dass diese Leute von Festland seltsam finden, macht es ihr nicht gerade leicht Anschluss zu finden.

Doch statt Trübsal zu blasen erkundet sie die Insel auf eigene Faust und schafft sich ihr ganz eigenes Inselparadies. Als sie Charlotte kennenlernt, die mit ihrer Mutter Urlaub auf Baltrum macht, scheint sie endlich angekommen. Doch leider muss das Gästekind nach ein paar Wochen wieder nach Hause fahren und für Kico beginnt eine lange Zeit des Wartens.

Es kribbelte in mir, als läge permanent Brausepulver auf meiner Zunge.

Mit Insulanerkind ist Kirsten Wendt eine lustige und emotionale Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit gelungen. Sie schaffte es problemlos, mich an die Nordsee zu entführen und in mir nicht nur eine Urlaubsstimmung zu erzeugen, sondern vielmehr eine Sehnsucht nach den friesischen Inseln, die ich als Jugendlicher besuchte.

Durch ihre wunderbaren Landschaftsbeschreibungen und den Bildern in meinem Kopf, glaubte ich Borkum tatsächlich vor mir zu sehen und versank vollkommen in der Lebensgeschichte der Autorin. Hierbei erinnerte ich mich an viele Details, die ich bereits vergessen zu haben glaubte.

Auch wenn ich während meiner eigenen Kindheit – einige Jahre später – andere Helden hatte und die Mode eine andere war, konnte ich mich in Kirstens Beschreibungen oft wieder finden. Offenbar haben Kinder aller Generationen die gleichen Grundprobleme und einen ähnlichen Blick auf die Welt der Erwachsenen. Genau, wie jeder Mensch einen ganz eigenen Sehnsuchtsort zu haben scheint. Dass Baltrum Kirsten Wendt’s Sehnsuchtsort ist und ihr Herz an der Insel hängt, merkt man in jeder Zeile.

Durch den flüssigen Schreibstil flogen die Seiten nur so vorüber. Ich fand es schön und mutig, wie die Autorin ein Stück ihrer Lebensgeschichte mit uns teilt und finde es sympathisch, wie offen sie auch peinliche Situationen und nicht ausspart. Besonders süß fand ich hier etwa, wie sie unmittelbar nach ihrem Umzug nach Baltrum Touristen mit Terroristen verwechselt.

Außerdem fand ich es anrührend, wie sie sich Sorgen um Charlotte macht, als sie davon erfährt, dass ihre Freundin an Leukämie erkrankt sein soll. Kirsten Wendt beschreibt sehr schön, wie ihre Gedanken hierbei zwischen dem Ernst der Erwachsenenwelt und der Naivität der Kinderwelt hin und her schwankten.

Zu Leukämie und Krebs stand allerdings genug in unserem Buch. Ich versuchte die medizinischen Begriffe zu verstehen, was mir kaum gelang. Nur dass viele Kinder daran erkrankten und man es nicht einfach wie einen Schnupfen loswurde, begriff ich schnell. Und natürlich, dass es tödlich enden konnte. Entschlossen schob ich das Buch zurück ins Regal.

Charlotte durfte so einen Mist nicht haben, bestimmt war sie nur ein bisschen unterzuckert. Das kam davon, wenn man lauter gesunde Sachen aß und darüber vergaß, normale Lebensmittel wie gelbe Brause und Prinzenrolle zu sich zu nehmen.

Ein herzerwärmendes Buch (nicht nur) für Nordsee-Fans und Kinder der 70er Jahre, das gut unterhält, für Urlaubsstimmung sorgt und gleichzeitig Erinnerungen an die eigene Kindheit und persönliche Sehnsuchtsorte wach ruft.

Lieblingssatz

Noch perfekter wurde mein Zimmer, als ich einen Radiorekorder bekam, mit dem ich auf Mittelwelle die Sowjetunion empfangen konnte und durch vorsichtiges Drehen des Sendeknopfs nach Kontakt zu verstorbenen Seelen im All suchte.

 

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