Dunkel, fast Nacht: Roman von Joanna Bator

Klappentext

Eine Stadt ist in Aufruhr. Drei Kinder sind verschwunden. Die erfolglosen Ermittlungen schüren die Wut der Bürger, befeuern die Gerüchte. Verdächtigungen und Schuldzuweisungen greifen um sich. Gehetzt wird gegen die »Katzenfresser«, die Zigeuner. Im Radio und im Internet lodert die Sprache des Hasses.

Alicja Tabor hat diese Stadt früh verlassen. Nun kehrt sie als Journalistin zurück, um Nachforschungen über die rätselhaften Entführungen anzustellen. Sie quartiert sich im alten Haus ein, das seit dem Tod des Vaters leer steht; die Atmosphäre ist düster, die Stimmung im einst so geliebten Garten unheimlich. Ständig fühlt sie sich beobachtet, um sie herum ereignen sich unerklärliche Dinge.

Schon in Sandberg und Wolkenfern begegnete uns Joanna Bator als Virtuosin der Verknüpfung, die in den verschwiegenen Familiendramen die Geschichte einer Epoche aufleuchten lässt. Mit der ihr eigenen Subtilität schildert sie, wie Stimmungen kippen können, wie latente Ängste und Traumata sich in jähe Ausbrüche von Wahnsinn verwandeln. Dunkel, fast Nacht ist ein Roman über die Brüchigkeit einer Gesellschaft, die ihre gemeinsame Sprache verloren hat.

Erster Satz

Ich folgte den Spuren, die ich vor Jahren hinterlassen hatte, verwundert, wie mühelos meine Füße hineinfanden.

Meinung

Die Journalistin Alicja Tabor reist von Warschau in ihre alte Heimat Wałbrzych, um in der niederschlesischen Großstadt dem Verschwinden mehrere Kinder auf den Grund zu gehen und wird dort mit den Dämonen ihrer Vergangenheit konfrontiert.

So spannend sich die Idee anhört, so langweilig ist sie umgesetzt. Vielleicht war mir die Spannung einfach zu subtil oder sie wurde durch schwülstige Sätze und endlose Rückblenden im Keim erstickt. So genau kann ich das nicht einmal sagen, denn die Ansätze waren da und Joanna Bator bewies mehr als einmal, dass sie großartig schrieben kann.

Sie war eine gedrungene birnenförmige Frau. Alles an ihr strebte nach unten: das strähnig platte Haar, die herabhängenden Augen- und Mundwinkel, dach bauchwärts zur Endmoräne getürmte Fettgewebe, die in Fellpantoffeln gerammten Füße, die aussahen wie zwei standfeste Knollen.

Trotzdem blieb nach der Lektüre ein undefinierbar dumpfes Gefühl der Unvollständigkeit zurück, was vermutlich daran liegt, dass die Geschichte über hunderte von Seiten vor sich hindümpelt und man das Gefühl hat, zwar alle Familiengeheimnisse der Stadt zu kennen, der Autorin die Auflösung der Entführungen aber nicht so ganz abnimmt, weil sie dann doch eine Spur zu schräg ist.

Vielleicht will die Autorin mit dem Roman auch einfach zu viele Themen unter einen Hut bringen – häusliche Gewalt, Rassismus, Aufarbeitung von Kriegstraumata, Faschismus, Religiösität, Drogenmissbrauch und so weiter. Als wolle sie mit ihrem Buch hauptsächlich ein vollständiges Bild der polnischen Gesellschaft zeichnen und die Rahmenhandlung nur als Vorwand dazu missbraucht.

Dieses Haus war voller intensiver Gerüche, als begänne hier angestaute Zeit zu verderben wie Essen in einem offenen Kühlschrank. Am Morgen hatte ich Naphtalin und frische Erde gerochen, jetzt hing der Geruch gärender Früchte in der Luft, ein Hauch von Zersetzung, wie er von dem gazebedeckten Einmachglas aufgestiegen war, in dem meine Schwester vor Jahren versuchte, Wein aus wilden Brombeeren, Zucker und Zimt anzusetzen.

Dabei sind diese Themen hochaktuell und sehr interessant. Nur trugen sie leider nicht unbedingt dazu bei herauszufinden, was mit den Kindern geschehen ist.

Außerdem stieß mir das ständige Auftauchen von Katzenmenschen (die wohl das Gute verkörpern und Alicja dabei helfen sollen, dem Rätsel näher zu kommen) sauer auf, da nicht wirklich klar wurde, wofür sie gut sind und sie den Lesefluss ungemein störten.

Auch hätte es – für meinen Geschmack – nicht so viele Rückblenden gebraucht, die das Verhältnis zwischen Alicja und ihrer Familie bis ins kleinste Detail breitreten. Im Endeffekt macht es natürlich Sinn, darüber Bescheid zu wissen, was in der Familie der Erzählerin alles vorgefallen ist, aber das hätte man sicherlich ein wenig straffen können.

Alles in allem ein mittelmäßiger Roman von einer tollen Autorin, der mich bis zum Schluss leider nicht so richtig fesseln konnte.

Liebste Szene

Die Bibliothekarin lächelte zärtlich.

“Sie geht nicht mehr aus dem Haus und sagt immer, dass sie nicht sterben, sondern sich zu Tode lesen will.”

“Das ist ein schöner Tod”, stimmte ich zu.


        

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