Der Wörterschmuggler: Roman von Natalio Grueso

Inhalt

Keiko geht jeden Abend die Briefe durch, die ihr in den Briefkasten gesteckt werden. Und jeden Abend lädt sie den Verfasser des Textes zu sich ein, der sie am meisten berührte, um mit ihm zu schlafen.

Als Bruno Labastide Keiko begegnet, ist er hin und weg von der zauberhaften Japanerin und möchte unbedingt ihre Gunst gewinnen. Glücklicherweise hat er im Laufe seines Lebens unzählige Geschichten gesammelt. Er versucht sein Glück in der Hoffnung mit einer davon Keikos Herz für sich zu gewinnen. Etwa die Geschichte vom Mann der Bücherverschrieb, dem Wörterschmuggler und dem Traumjäger. Geschichten, in denen Worte und die ihnen innewohnende Kraft eine zentrale Rolle spielen.

Erster Satz

Niemand versteht die Einsamkeit besser als ich.

Lesemotivation

Erstmals auf das Buch aufmerksam wurde ich auf der Frankfurter Buchmesse 2015, da mich das Cover schon von Weitem angesprochen hatte. Es landete prompt auf meiner Wunschliste und eine Freundin schenkte es mir zu Weihnachten.

Der Wörterschmuggler habe ich zu lesen begonnen, weil ich nach Siebentürmeviertel und Der Blogger Lust auf einen sprachgewaltigen und poetischen Roman, wie ich ihn von spanischsprachigen Autoren kenne.

Meinung

Bereits nach den ersten Seiten war ich froh, mich für dieses Buch entschieden zu haben. Natalio Grueso zog mich mit seinem poetischen und fantasievollen Schreibstil direkt in seinen Bann.

Ich bin nach Venedig gekommen, weil es die melancholischste und einsamste Stadt der Welt ist. Ich lebe in einem kleinen Apartment im Stadtteil Dorsoduro. Und in dieser Wohnung passieren Nacht für Nacht Dinge, die Gerechtigkeit schaffen, die die Wirklichkeit und das Schicksal herausfordern und die schreckliche Last dieser verdammten Einsamkeit lindern.

Schnell wurde mir klar, dass ich hier keinen Roman mit klassischem Spannungsaufbau vor mir hatte. Viel mehr mutete das Buch wie eine Sammlung melancholischer und poetischer Kurzgeschichten an, von denen jede einzelne voller Weisheit und Poesie steckte.

»Ich kann leider nicht lesen und schreiben« , erwiderte die Großmutter beschämt.

Dieses Geständnis verblüffte den Bücherverschreiber sehr, denn es war noch nie vorgekommen, dass er eine Kundin gehabt hatte, die Analphabetin war.

»Und wieso kommen Sie dann zu mir?« , fragte er vorsichtig nach.

Die Frau schluckte, presste die Handtasche gegen ihre Knie und antwortete zaghaft:

»Nun ja, weil ich will, dass meine Enkelin mal ein besseres Leben hat als ich, und ich weiß, dass man das in den Büchern findet.«

Die einzelnen Kapitel waren zwar wunderschön geschrieben, sodass man sich ohne Probleme in den Kurzgeschichten verlieren konnte, die das Bild von Außenseitern zeichneten, denen durch die Kraft der Worte wundersame Dinge passierten. Trotzdem schien mir alles ein wenig zusammenhangslos aneinandergereiht. Mir fehlte der rote Faden und mir fehlte es, mit Bruno mitzufiebern, ob er es schaffen würde, Keikos Herz zu erobern.

Liebster Satz

Das Einzige, was er lernte, war, dass der Mensch teuflisch grausam sein kann und dass wir am Ende alle hilflos und allein sind unter den Sternen, so schön sie auch sein mögen.

Fazit

Der Wörterschmuggler wird getragen von der poetischen Schreibweise des Autors und ist gespickt mit wunderschönen Passagen, bei welchen mir das Herz aufgeht. Allerdings ist mir das alleine dann doch zu wenig.

Es ist schade, dass sich erst auf den letzten 20 Seiten aufklärt wovon das Buch handelt. Hätte ich von vorneherein gewusst, dass es sich bei den einzelnen Kapiteln um Kurzgeschichten handelt, die Bruno im Laufe seines Lebens gesammelt hat und mit denen er nun versucht, Keikos Herz für sich zu gewinnen, hätte ich mich viel besser auf die Geschichte einlassen können. So hing ich über 200 Seiten in der Luft und fragte mich, wo das alles hinführen würde.

Doch zumindest bin ich nun um die Erkenntnis reicher, dass mir Bücher mit einem klassischen Spannungsbogen und rotem Faden besser gefallen, als solche bei denen das nicht der Fall ist und dass für mich ein schöner Schreibstil alleine nicht ausreicht, um mich über 250 Seiten von einem Buch fesseln zu lassen. Zumal auch dieser zur Mitte des Buches hin etwas nachlässt.


        

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