Der letzte Pilger: Kriminalroman von Gard Sveen

Klappentext

Es ist Frühling in Oslo, als ein grausames Verbrechen geschieht: Der ehemalige Widerstandskämpfer Carl Oscar Krogh wird brutal ermordet. Während des Krieges stand er stets auf der richtigen Seite. Wer bringt einen Mann um, den alle bewundern? Kurz zuvor findet man in der Nordmarka drei Leichen. Unter ihnen ein kleines Mädchen. Kommissar Tommy Bergmann, scharfsinnig, klug und ein Selbsthasser voller innerer Abgründe, sieht einen Zusammenhang: Die Toten stehen in Verbindung zu Agnes Gerner, einer Agentin des Widerstandes. Je mehr Tommy Bergmann über die schöne und hochintelligente Frau herausfindet, umso gefährlicher erscheint sie ihm.

Erster Satz

Erst als sie vor der mächtigen Holzvilla parkte, wurde der jungen Haushaltshilfe bewusst, dass das Tor oben an der Straße offen gestanden hatte.

Meinung

Vor einiger Zeit empfahl mir meine Schwiegermutter den Debütroman von Gard Sveen, da er sehr spannend und toll geschrieben sei. Obwohl mich der Titel überhaupt nicht ansprach und ich auch den Klappentext eher solala fand, vertraute ich auf ihren Buchgeschmack, der meinem doch sehr ähnelt.

Zum Glück, wie ich nun feststellen muss, denn mit „Der letzte Pilger“ ist dem Norweger ein starkes Debüt gelungen, das 2013 völlig zu Recht mit dem Rivertonpreis für den besten Krimi Norwegens, und 2014 mit dem Glass Key Award für den besten Krimi Skandinaviens ausgezeichnet wurde.

Abteilung IV, dachte er. Der offizielle Name der Gestapo wirkte so harmlos. Typisch deutsch, die Hölle hinter den Zahlen der Bürokratie zu verstecken.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive des einsamen und unkonventionell ermittelnden Kommissars Tommy Bergmann und der schönen Agentin Agnes Gerner erzählt.

Bergmann kommt auf den Plan, als im Frühling 2003 die Leichen von drei Personen in der nordnorwegischen Einöde gefunden werden, die dort offensichtlich während der Wirrungen des Zweiten Weltkrieges verscharrt wurden. Als in Lillehammer außerdem die Leiche Carl Oskar Kroghs auftaucht, der durch seine Arbeit als Widerstandskämpfer in den 1940er Jahren zum Nationalhelden avancierte, vermutet Bergmann eine Verbindung zwischen den knapp 60 Jahre auseinander liegenden Morden.

Eigentlich spielte es keine Rolle – wer tot war, war tot und konnte weder Verbrechen begehen noch Steuern zahlen. Den Behörden war es vollkommen egal, wer man gewesen oder wann man geboren war. Trotzdem schienen diese drei Personen nach dem Krieg nicht für tot erklärt worden zu sein, sonst hätten sie nicht mehr auf der Vermisstenliste gestanden. Das konnte Verschiedenes bedeuten. Vielleicht hielten die Familien an dem Glauben fest, dass sie noch am Leben waren, ebenso gut konnte es aber auch heißen, dass es nach dem Krieg keine Angehörigen mehr gegeben oder sich niemand mehr für sie interessiert hatte. Man ließ Menschen doch nur dann für tot erklären, wenn man seine Seelenruhe wollte oder scharf auf das Erbe war.

Auch wenn Tommy Bergmanns Charakter ziemlich klischeehaft daherkommt, konnte er mich überzeugen. Dem Autor gelang es, mir den Kommissar sympathisch zu machen, indem er ihn nach Feierabend nicht in Selbstmitleid und Drogenkonsum versinken ließ, sondern ihm ein Hobby gab, durch das er auch außerhalb der Dienstzeiten (wenn auch sporadisch) soziale Kontakte pflegte.

“Also”, sagte Monsen und streckte die Hand nach dem Feuerzeug aus, das Tommy ihm hinhielt, “wir untersuchen im Schnitt eins Komma drei Todesfälle pro Tag (…) und jetzt sollen wir uns auch noch um irgendwelche alten Knochen kümmern? (…) Nein, nein, diesen Blödsinn hier geben wir ganz schnell an die werten Kollegen in der Brynsallé ab.”

(…)

Der Neid auf die Leute vom staatlichen Kriminalamt Kripos schien noch immer in ihm zu brodeln. Tommy fand allerdings, dass der fette Sørländer nicht ganz unrecht hatte. Die Menschen neigten tatsächlich dazu, sich außerhalb der Bürozeiten ermorden zu lassen oder in die Haare zu geraten, was zwangsläufig dazu führte, dass es die Beamten der Kriminalwache waren, die im Blut wateten oder sich um krankenhausreif geschlagene Frauen und misshandelte Kinder kümmern mussten. Manchmal dauerte es wirklich lange, bis die Kollegen vom Kriminalamt in ihre Kleider geschlüpft waren und sich zu den Tatorten bequemten, um unbezahlte Überstunden zu machen. Sofern sie nicht erst am nächsten Tag kamen, wenn ihre offizielle Schicht begann.

Eine der Leichen aus der Nordmarka ist vermutlich Agnes Gerner, deren Handlungsstrang den Leser in das Jahr 1942 verschlägt. Als Norwegerin britischer Herkunft half sie den Widerstandskämpfern dabei, sich gegen die Besatzung der deutschen Wehrmacht aufzulehnen. Durch ihre Beziehung zu Gustav Lande, der mit den Deutschen sympathisierte, verschaffte sie der Widerstandsbewegung Zugang zu Nazikreisen, wo deren Agenten Attentate auf die Besatzer und deren Unterstützer verübten. Durch ihre Rolle begibt Agnes Gerner sich in Lebensgefahr, wodurch eine subtile Spannung aufgebaut wird, die den Leser von Anfang an mit der jungen Frau mitfiebern lässt.

Agnes ließ ihren Blick durch das mehr als zur Hälfte gefüllte Lokal schweifen. Die Tische standen auf zwei Ebenen, und das Orchester thronte an einer Seite des Saals. Eine unselige Mischung aus norwegischen Nazis, ein paar wenigen guten Norwegern, die ihr Geld für einen Abend im besten Tanzlokal der Stand zusammengekratzt hatten, und einer kleinen Horde deutscher Offiziere mit jungen Frauen im Schlepptau, die ihr aufs Haar glichen.

Da dies mein erstes Buch war, das die norwegische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg zum Thema hatte, fand ich diesen Handlungsstrang besonders interessant. Da man weiß, wie skrupellos die Wehrmacht mit Verrrätern umging, war die Spannung in diesen Kapiteln – auch ohne actionreiche Szenen – oft kaum zu ertragen.

Auch Gerners Charakter war sympathisch und realistisch, ihr Handeln war stets nachvollziehbar ich fragte mich mehr als einmal, wie ich selbst wohl an Stelle dieser faszinierenden und mutigen Frau reagiert hätte.

Der SS-Offizier musterte sie und versuchte, ihren Blick einzufangen. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Puls sich beschleunigt hatte, ihre Adern fühlten sich dünn wie Nähseide an, und ihr Gesicht hatte sicher alle Farbe verloren. Trotzdem schenkte sie ihm ein selbstsicheres Lächeln, dem kein Mann, auf jeden Fall keiner wie er, widerstehen konnte.

Alles in allem trifft in diesem Krimi eine spannende Geschichte voller überraschender Wendungen und realistischen Charakteren auf einen grandiosen Schreibstil, bei dem jedes einzelne Wort haargenau an seinen Platz passt.

Der raffinierte Fall über den Fund dreier Leichen in der norwegischen Provinz und den Tod eines alten Widerstandskämpfers ist freilich nichts für Actionfreunde. Vielmehr erzeugt Gard Sveen in „Der letzte Pilger“ eine subtile Spannung, die davon lebt, dass der Leser ganz genau weiß, was den Protagonisten – vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges – alles passieren könnte. Auch die Ermittlungen von Kommissar Tommy Bergmann bleiben bis zum Schluss spannend, da sie immer neue Theorien zulassen, die durch die Ermittlungsergebnisse ein ums andere Mal widerlegt oder in Frage gestellt werden.

Ganz großes Kino.

Der alte Mann hatte ein Zwei-Bett-Zimmer für sich allein. Neben ihm auf dem Kopfkissen lag eine Sauerstoffmaske. Seine Gesichtshaut war eher gelb als weiß, aber nicht dick und ledrig wie bei vielen alten, im Sterben liegenden Menschen, sondern dünn und durchsichtig wie eine Reislampe. Unter den Augen hatte er dunkle Ringe. Eine Sauerstoffsonde führte in eines seiner Nasenlöcher, und sein Arm war mit einem Tropf verbunden, der neben dem Bett stand.

Während all das darauf hindeutete, dass Kolstad bald sterben würde, funkelten seine blauen Augen, als wäre er ein junger Mann, der das Leben noch vor sich hatte.

Liebste Szene

Eines der Mädchen auf der anderen Seite des Tisches lachte herzhaft über etwas, das einer ihrer Nachbarn gesagt hatte. Die deutschen Offiziere fielen brüllend ein. Ihr Lachen hätte besser auf ein Schlachtfeld gepasst als in dieses Lokal.


        
    

Teilen
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedintumblrmail

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.