Blaue Nacht: Kriminalroman von Simone Buchholz

Klappentext

Weil sie einen Vorgesetzten der Korruption überführt und einem Gangster die Kronjuwelen weggeschossen hat, ist Staatsanwältin Chastity Riley jetzt Opferschutzbeauftragte und damit offiziell kaltgestellt. Privat gibt es auch keinen Trost: Ihr ehemaliger Lieblingskollege setzt vor lauter Midlife-Crisis zum großen Rachefeldzug an, während ihr treuester Verbündeter bei der Kripo knietief im Liebeskummer versinkt. Da ist es fast ein Glück, dass zu jedem Opfer ein Täter gehört.

Das Opfer ist ein Mann ohne Namen, der übel zugerichtet in ein Krankenhaus im Hamburger Osten eingeliefert wird. Alles sehr professionell gemacht, der klassische Warnschuss. Riley gewinnt nach und nach sein Vertrauen. Bei zwei bis acht Bier auf der Krankenstation nennt er ihr schließlich einen Namen. Nicht seinen, aber es ist eine Spur, und die führt nach Leipzig. Dort findet Riley einen Verbündeten und viel zu viele synthetische Drogen. Als ihr klar wird, wer hinter der Sache steckt, sieht sie ihre Chance, endlich einen der ganz großen Fische dingfest zu machen.

Erster Satz

Ein Tritt in die rechte Niere, zum Niederknien.

Meinung

In einem Artikel über den Crime Cologne Award 2016, den Sabine Buchholz für den sechsten Band ihrer Krimireihe um die Polizistin Chastity Riley erhielt, hörte ich zum ersten Mal von „Blaue Nacht“. Das Urteil der Jury klang vielversprechend und ich freute mich auf einen gleichermaßen spannenden, wie ungewöhnlichen Krimi, mit schmuddelig lässigem Sankt-Pauli-Flair.

Der Schreibstil ist rotzig, frech und genau so, wie ich ihn mir bei einem Kiez-Krimi vorgestellt habe. Die abgehackten Sätze passen sehr gut zur schnodderigen Sprache der Kommissarin und bedienen das Klischee der wortkargen Norddeutschen.

 Ich ziehe meine Pistole, entsichere sie und sage: Waffe runter. Polizei.

Der Mann am Rand hatte mich schon gesehen, bevor ich was gesagt habe. Wenn ich seinen Blick richtig interpretiere, ist er nicht gerade erfreut, dass ich hier bin. Er sieht mich an, als hätte ich mit meinem Auftritt alles noch schlimmer gemacht, was ich mir nicht so recht erklären kann.

Ich meine: Der soll erschossen werden.

Jetzt hat er wieder eine Chance.

Waffe runter, sage ich nochmal.

Ach, hör doch auf, du Pisser, sagt der Kokser und fängt an zu lachen.

Der lacht mich aus. Und dann beschimpft er mich.

Wichser, Ficker, Arschloch, Drecksau.

Hat der Tourette?

Der komplette Roman ist aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben. Hauptsächlich ist das Chastity Riley, die einem dadurch schnell ans Herz wächst. Zwischendurch kommen aber auch immer wieder andere Protagonisten zu Wort, die dem Leser, in Form von Rückblenden, zusätzliche Informationen liefern.

Dabei erschlossen sich mir dabei der Zusammenhang zu dem zuvor Gelesenen, sowie die Bedeutung dieser Rückblicke für den weiteren Handlungsverlauf leider nicht immer; was aber auch daran liegen mag, dass “Blaue Nacht” der sechste Teil einer Krimi-Reihe ist und ich vorher keinen der anderen Chastity-Riley-Romane gelesen habe.

 Meine Mutter weint auf Italienisch. Sie weint laut und sie weint viel.

Weil mein Vater ein Schützenjäger ist, sagt sie.

Ich halte ihre Hand, und dann rauchen wir zusammen Zigaretten von Aldi.

Irgendwann war ich ohnehin so benebelt und dermaßen berauscht von all den Zigaretten und alkoholischen Getränken, die die Protagonisten auf knapp 240 Seiten konsumieren, dass mir die fehlenden  Zusammenhänge gar nicht mehr so wichtig erschienen. Schließlich war die Lektüre abenteuerlich und das Lesen machte, dank des flüssigen Schreibstils, trotzdem großen Spaß.

Wir trinken eine Batterie Long Drinks. Der Calabretta Cuba Libre, ich Wodka Tonic. Im Fenster leuchtet der Umriss eines Gitarrencowboys, in Blutrot und Apfelsinenorange und Spätsommergelb, die Bässe aus den Boxen über der Bar gehen mir in den Bauch. Es muss mehr geraucht werden.

Krimifans sollten sich darüber in Klaren sein, dass „Blaue Nacht“ anders ist.

So muss Chastity Riley zum Beispiel keinen Mord aufklären, sondern geht der Frage nach, was dem wortkargen Opfer zugestoßen ist. Auch das Setting ist ungewöhnlich. Denn zwischen diversen Kneipenbesuchen spielt sich ein großer Teil des Romans im Krankenhaus ab, wo sie dem Opfer regelmäßig Krankenbesuche abstattet und ihn -dank Zigaretten und Alkohol – allmählich zum Reden bringt.

Allerdings dauert es, bis sie dem Mann erste Informationen aus der Nase ziehen kann. Lange. Meiner Meinung nach zu lange, für solch ein kurzes Buch.

Dann sagt er: “Der Herr Faller. Na so was.”

Kennt ihr euch?, würde ich gerne sagen.

Oder: Geht’s noch?

Oder: Wie bitte?

Aber ich bin vollkommen sprachlos.

Der Faller nicht.

“Kennen wir uns?”, fragt er und macht sein Gleich-zücke-ich-mein-Notizbuch-Gesicht.

Joe schüttelt den Kopf.

“Nein”, sagt er, “wir kennen uns nicht. Aber ich kenne Sie.”

Bis dahin versucht Simone Buchholz uns mit lustig-skurilen Kiezgeschichten bei Laune zu halten, was ihr über weite Strecken sogar gelingt. Denn das von ihr gezeichnete Portrait des Hamburger Kiezes mit seinen skurilen und kaputten Figuren ist sehr authentisch. Aber es ist eben nicht das, was ich mir unter einem Kriminalroman vorstelle.

Klatsche greift nach mir und zieht mich in seinen Arm. Er riecht nach Mann und frisch geschnittenem Gras. Ich könnte mich glatt von ihm aufessen lassen

Überflüssig zu erwähnen, dass „Blaue Nacht“ nur so vor Lokalkolorit strotzt, der mir ebenso gut gefiel, wie der ironische und trockene Humor der Hauptfiguren, der mich immer wieder zum Schmunzeln brachte und die Geschichte atmosphärisch dichter machte.

Wir laufen los und rauchen dabei weiter, wir laufen an dem kaputten Hotel vorbei und biegen in eine ruhige Seitenstraße ein, und ich finde, Leipzig sieht aus wie jede andere mittelgroße deutsche Großstadt auch, nur besser.

Auf eine bayerische Art aufgeräumt. Hübsch. Alt. Bilderbuch. Der totale Denkmalschutz.

Zwischendurch streut die Autorin immer wieder wunderbare Sätze voller Poesie und Weisheit, die einerseits zeigten, wie gut sie schreiben kann, die andererseits aber die Geschichte nicht voranbringen. Viele Beobachtungen und Details sind sogar dermaßen belanglos, dass man sie getrost streichen könnte.

Klatsches Anruf erreicht mich auf dem Weg ins Büro, ich marschiere gerade durch den Park. Ich bin müde von letzter Nacht, über meinem Kopf kreischen ein paar Möwen, auf der Wiese links von mir schnattert eine Gruppe Graugänse, die wahrscheinlich den nächsten Formationsflug beratschlagt.

Alles in allem war dies der vielleicht ungewöhnlichste Krimi, den ich je gelesen habe. Mehr als einmal fragte ich mich sogar, ob „Blaue Nacht“ vielleicht sogar eine Krimi-Parodie sein soll. Denn Kommissare, die ihre Fälle quasi zwischen diversen Besäufnissen und ein paar Krankenhausbesuchen lösen, kamen mir so auch noch nicht unter.

Das Taxi fährt durch die Stadt, und während sich die Sonne klammheimlich an den Wolken vorbeischummelt, während sich der Knoten in meinem Kopf ganz zaghaft immer weiter lockert, bekommt mein Kater, den ich bisher kaum wahrgenommen hatte, eine Tonspur.

Auch wenn ich mich beim Lesen eines Krimis noch nie so amüsiert habe, verwarf ich den Gedanken aber wieder, da das Finale doch ziemlich spektakulär war. Trotzdem bin ich mir nicht sicher bin, ob ich einen weiteren Teil der Reihe lesen würde.

Liebste Szene

Im Hintergrund biegen sich ein paar unerhört magere Birken im Wind nach rechts.

Industriegebietsbaumbestand.


     

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